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Interview mit Oswald Sattler
Wie kamen Sie auf die Idee mit den religiösen Liedern,
nachdem Sie ja eigentlich Volksmusikant sind?
Religiöse Texte sprechen mich schon immer sehr an. In
schweren Stunden haben sie mir schon viel Trost gegeben. Nun hatte
ich das Bedürfnis, diese Texte musikalisch zu würdigen. Sie
sind tiefgründig und die Menschen können daraus etwas für
sich behalten. Das tun nur wenige volkstümliche Texte.
Was bedeuten die alten Kirchenlieder für Sie?
Im Inneren hat sich der Mensch im Grunde genommen nicht
verändert. Sicherlich haben sich durch den Wohlstand die
Lebensumstände geändert, die Grundbedürfnisse der
Menschen sind aber gleich geblieben. Die Menschen hören die alten
Lieder damals wie heute gerne und ziehen sich das heraus, was sie gerade
brauchen. Diese alten Lieder sind somit auch heute noch wichtige Begleiter
der Menschen.
Bezeichnen Sie sich selbst als religiösen Menschen?
Wahrscheinlich nicht mehr und nicht weniger als jeder andere.
Ist somit jeder Mensch religiös - auf seine Art.
Glauben und Religion kann man nicht messen. Jeder Mensch glaubt an etwas
und man kann nie in einen anderen Menschen hineinsehen, was, woran und wie
intensiv er glaubt.
Was bedeutet für Sie "Glauben"? Wie leben Sie diesen?
Glaube ist für mich vor allem der Respekt vor der Kraft der Natur. Ich
als Mensch bin Teil dieser Natur, die Gottes Schöpfung ist. Glauben
heißt somit auch Respekt vor den anderen Menschen. Deshalb kann ich
auch über den Glauben anderer Menschen nicht urteilen und will niemanden
missionieren.
Gehen Sie regelmäßig in den Gottesdienst?
Je nach Gelegenheit. Früher bin ich immer gegangen, auch wenn ich auf
Tournee war. Aber ich bin der Typ, der ausreichend Schlaf und einen
möglichst geregelten Tagesablauf braucht. Eigentlich gehe ich früh
ins Bett, doch auf Tournee geht das meist nicht und so muss ich morgens den
fehlenden Schlaf aufholen. Sonst bin ich nicht fit und mein ganzer Rhythmus
gerät durcheinander.
Lässt sich praktizierter Glaube mit dem Alltag im Showgeschäft vereinbaren?
Im Showgeschäft ist es wichtig, dass man seinen Glauben lebt, um sich
selbst treu zu bleiben. Man darf nie vergessen, wer man ist und woher man
kommt. In unserer Branche wird viel geredet, viele Kontakte sind
oberflächlich. Das kann mir schnell zu viel werden. Manchmal kann man
auch nicht direkt die Wahrheit sagen, weil man andere damit sehr verletzen
würde. Da ist es gut, wenn man mit sich selbst im Reinen ist und damit
klar kommt.
Woher kommt Ihr tiefer Glaube?
Durch die Erziehung meiner Eltern. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar,
denn als Kind lernt man am meisten. Für ein Kind sind die ersten Jahre
am wichtigsten, egal was es lernen soll. Und meine Eltern haben mir den Glauben
vorgelebt und mich herangeführt.
Erziehen Sie Ihre Söhne religiös? Wie äußert sich das?
Wie schon gesagt: Religion ist ein weites Gebiet. Ich versuche, meinen
Söhnen beizubringen, dass jeder "nur" ein Mensch ist, den man respektieren
muss, mit all seinen Eigenheiten. Und jeder muss eben seinen Glauben selber
finden. Auch meine Söhne. Meine Frau Alma und ich können nur vorleben
und Beispiel geben. Man kann sie nicht zwingen. Annehmen müssen sie das
Vorgelebte selbst.
Und nehmen Ihre Kinder das auf?
Kinder leben nach ihren Erfahrungen. Was ein Mensch als Kind erfahren und erlebt
hat, darauf greift er als Erwachsener zurück. Ich glaube schon, dass meine
Söhne unser Vorbild annehmen. Aber man kann ja in die Menschen nicht hinein
sehen. Also kann ich auch nicht mit Sicherheit sagen, ob und wie sie den Glauben
annehmen.
Hilft Ihnen Ihr Glaube auch in schwierigen Lebenssituationen?
Durch den Glauben komme ich mit allem leichter durchs leben. Ich stelle weniger
Fragen, warum gewisse Dinge nun so sind und nicht anders. Ich zweifle weniger
als andere Leute. Ich kann etwas akzeptieren, was ich eh nicht ändern
kann. Meine Richtlinien sind die Zehn Gebote. An diese soll man sich halten,
dann tut man sich leichter im Leben und ist zufriedener.
Meinen Sie, dass die Religion in Südtirol intensiver gelebt wird als
anderswo, z.B. in Deutschland?
Das glaube ich nicht. Diese Frage ist aber immer wieder ein Thema. Die Urlauber
kommen hier her und sehen alles durch eine rosa Brille, weil sie ja im Urlaub
sind. Alle sind vermeintlich freundlicher als zu Hause. Dabei ist es ein
gegenseitigen Geben und Nehmen. Der Urlauber bekommt Erholung, Landschaft,
Freundlichkeit und der Einheimische Geld. So einfach ist das.
Sieht man genauer hin, wird das auch deutlich. Wir haben hier viel zu viel
Tourismus, zu viel "schnelles Geld". Glücklich macht das nicht. Auch in
den Familien selbst geht durch den Tourismus vieles kaputt. Das Familienleben
leidet sehr. Oberflächlich betrachtet verwechseln viele wohl auch Tradition mit
Religion. In Südtirol ist manches wahrscheinlich noch traditioneller.
Das Lied "Und atme ich die Seele aus" beschäftigt sich mit dem Thema
Tod. Hat es eine besondere Bedeutung für Sie?
Durchs Singen und Hören habe ich das Lied sehr lieb gewonnen. Es zeigt
immer wieder auf, dass der Tod keine Taschen hat, dass wir nichts mitnehmen
können. Es ist eine sehr gelungene Umsetzung des Aschermittwochs-Mottos
"Bedenke oh Mensch, dass du Staub bist...". Es soll aber auch vielen Menschen
Trost geben, soll zeigen, dass nichts im Leben sinnlos ist.
Welche Bedeutung hat für Sie der Tod?
Ohne Tod gibt es kein neues Leben. Der Tod ist ein Teil der Natur, also
auch ein Teil eines jeden Lebens. Wenn im Herbst die Pflanze nicht teilweise
absterben, können im Frühjahr keine neuen Triebe kommen. Ein kleinerer
Fluss wird irgendwann von einem größeren Fluss geschluckt und die
Vögel ernähren sich von Fliegen. Ohne den Tod des einen, kann der
andere nicht leben. Deshalb macht der Tod im Leben Sinn und der Gedanke schreckt
mich nicht.
Integrieren Sie den Gedanken an den Tod in ihr Leben?
Das Leben ist ein Kommen und Gehen. Natürlich ist der Tod im Leben ein
Thema. Das wichtigste im Leben ist, dass einem die eigene Vergänglichkeit
bewusst ist. Ein Trauerfall im Familienkreis ist schrecklich, aber niemand
wird davon ausgenommen. Wann ist ein Mensch alt genug um zu Sterben? Eigentlich
nie und doch jeden Tag. Deshalb meine ich, man soll immer so leben, dass man
sich nichts vorzuwerfen hat.
Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
Ich glaube an eine Gerechtigkeit und an eine Abrechnung nach dem Tod. Da wird
ein Strich gezogen und abgerechnet wie einer gelebt hat. So geht es ihm dann
auch - gut oder schlecht. Dabei zählt das gesamte Leben, nicht nur
einzelne Jahre. Mit unserem Denken kann man das aber nicht beurteilen. Dafür
sind die Voraussetzungen der Menschen viel zu unterschiedlich. Der eine kommt
aus schlimmen Verhältnissen, aus Slums oder ist in eine reiche Familie
hineingeboren worden. Deshalb kann man die einzelnen Taten nicht mit dem
gleichen Maßstab beurteilen. Gottes Urteil wird aber gerecht sein
Wenn Sie zum Schluss vergleichen: Welche Arbeit macht Ihnen persönlich
mehr Freude: Die Arbeit an einem "normalen" Volksmusik-Album oder die mit
religiösem Liedgut?
Zur Zeit ist es eindeutig das religiöse Liedgut. Hier sind eben die
Texte etwas ganz Besonderes, etwas besonders Schönes. Die Lieder
faszinieren mich und gehen tiefer ins Herz. Sie sprechen mir aus der
Seele. Aber auch hier kommt es auf das einzelne Lied an. Wenn wir dann
wieder ein volkstümliches Albummachen, dann sind da sicherlich auch
wieder viele Texte dabei, die zu mir passen und auch schön und
tiefgründig sind.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
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